Essayistisches


15.12.2008

Lernprozesse mit tödlichem Ausgang (1)


Im Hallraum des Geschlechterlabors leuchten bunte Nasen. Eine ist mehrere ist rot. Dazu das Zitat aus „über Gewissheit“ von Ludwig Wittgenstein „§ 501: Komme ich nicht immer mehr und mehr dahin zu sagen, dass die Logik sich am Schluss nicht beschreiben lasse? Du muss die Praxis der Sprache ansehen, dann siehst du sie.“ Was machen Sie da? Was machen Sie hier? Pause. Ich mache Pause. Ja, ich mache Pause, hier auf diesem Pausenplatz, der keiner ist. Ich kenne mich nicht aus. Ich frage die Frage, die sich stellt, wenn ich zu schreiben ansetze, während ich schreibe, dies Schreiben schreibe. Vor jedem Schreiben. Was TUN?
WAS tun? Etwas tun? tun? Hineinschauen?
Hineinhören? in das Arbeiten der Sprache. Hineinschreiben in das Arbeiten der Sprache. Die Sprache ertappen in ihrem Arbeiten, indem ich schreibe. Nicht ohne vor dem Ungekannten zu sein, eine rote Nase im Gesicht. Dabei schlage ich Ratschlagen vor. Oder das Rad schlagen über die rote Nase hin-weg, die mir im Gesicht steht. Steht sie mir? Jaja.
Die rote Nase ein Orientierungszeichen für Möglichkeiten Fasnacht. Wie ich mich gebärde dabei.
Fasnacht und alle sind (nicht) maskiert. Gebärden, Laute, Worte, Aktionen und ihre Geschlechtseffekte „Geschlecht erkennen? Nein, Geschlecht sehen als Wirkung und als Handlungsanweisung – als Gebrauchsanweisung in Situationen mit ihren unterschiedlichen Orientierungshorizonten. Doch was macht eine Situation aus? Wenn ausmachen auf erkennen verweist und nicht auf Lichter löschen. Eine Situation. Ist sie geformt? Ist es das Geformte, das sie ausmacht, und man bewegt sich. Spricht. Und schon sind es zwei. Situationen? etwas ist Element von Situation. Zum Beispiel die rote Nase. Da sind schon drei da, die rote Nase, das Geschlecht, das Tun.
Zum Beispiel dies tun. Diese Behauptung aus sprechen: männlich / Mann, weiblich / Frau liegen SO in unseren Leben drin. Als Leerstellen, um die sich alles dreht? Im Wirbel des närrischen Tanzens? Also männlich / Mann, weiblich / Frau durch Leerstellen ersetzen. Kann das sein? Was könnte da in Gang kommen? Oder verbergen sie womöglich solche? Liegen als Deckel auf Leerstellen? Ungekannt? So-bald männlich / Mann, weiblich / Frau gesagt (gedacht, aktiviert etc.) wird, steckt eine, einer und so weiter schon mitten drin, im Hallraum mit seiner Musik der Begriffe. Die verweisen auf. Und darauf. Und sagen? Sagen sie? Was ist? Was der Fall ist und umtreibt? Ein Begriff, zielt der überhaupt auf etwas, das ist. Ist da nicht die Frage schon längst falsch gestellt? Sind wir nicht deshalb auf das Tun gestossen? Aber einfach ETWAS tun? Einfach tun, um das Tun einzuschränken, einfach etwas Ver-blüffendes tun? Eine rote Nase aufsetzen. Von der die Frage nach dem Wie her, die schon jahrelang beschäftigt. Wie steht es mit den Männern und den Frauen, dem Weiblichen und dem Männlichen etc. etc. was geht da ab, wie arbeiten wir da, wie arbeitet da Sprechen mit. Auch da wurde schon lange und viel darüber gesprochen, geschrieben, veröffentlicht. Eine unendliche Geschichte.
Es komme nicht mehr drauf an – wird behauptet – die Wirklichkeit zeige sich. Anders!!! Männlich, weiblich, gar eine grosse Menge roter Nasen. Unterwegs als – Leerstellen? an die sich alles hängt? Leerstellen, die … und schon ist auch der prädikative Relativsatz da und mit im Spiel, das kein Rollen-spiel ist, sondern ein Sprachspiel, und bestimmt, will bestimmen, will SOLCHE Zusammenhänge. Grammatik der Geschlechterverhältnisse; grammatisch-logischer Ort des Geschlechts.
Also Grammatik tun. Wir tun Grammatik, wenn wir uns verhalten. Grammatik spielen? Um eine unbe-kannte? Sprache zu gewinnen? Um die notwendigen und die hinreichenden Bedingungen für den Gebrauch von männlich / Mann, weiblich / Frau bzw. von roten Nasen zu (er-)finden? Um im weiteren dann davon abzusehen oder auch nicht? Wer weiss das schon. Jedenfalls lernen. Achtung, Gefahr! Lernprozesse können einen tödlichen Ausgang nehmen. Was machen Sie da? Was machen Sie hier? Ich trage eine Maske. Da ist der Bluff nicht weit, der eine kleine Erhebung im Gelände bezeichnet. Und verblüffen mag.
In Situationen? Als Situationisten der roten Nase? Gleitend. Au weh! Schon aus. Geglitten?


Was es einmal gab, sei dahingestellt


Nämlich, da gab’s ja mal und wieder und wieder die Idee, die Welt zu verändern, rief die Clownin, und legte die rote Nase auf den Tisch neben all das Geschriebene. Wie das dann leuchtete, wie das dann so hell und laut das Publikum beleuchtete im Rund der Arena. Das versuchsweise die am Eingang übergebenen roten Nasen über die eigene oder über jene des Nachbars stülpte, der ein Publikum war und jeder war ein Publikum reihum. Ereignete sich somit etwas und was war das mit Hilfe eines kleinen Dings aus weichem, rot eingefärbten Schaumstoff, man applaudierte. Das also geschah.
Es geschah also ein Aufsetzen eines ums andere es geschah ein Ablegen, ein Herumschauen und ein Kichern und ein beschämtes Wegsehen Absehen und es kam eine weitere Frage auf. Es ergab sich die Frage nachdem Ereignen und eignet sich dazu etwas, eignet sich ein Aufgesetztes, das, rief nun der Clown, das demaskiert, indem es maskiert. Minimal und verblüffend. Ich, plötzlich, einzig, je einzig, aha. Da stellte sich gleich auch die Frage nach dem singulären Subjekt in den Weg, auf dem wir an-hand der roten Nase einherstolpern.
Ein Bluff ein rotes kleines Ding war ins Gesicht: gedacht? wenn gesetzt?, allez hopp, durch die Arena, allez hopp, still gestanden! „Ich weiss nicht, warum ich handle wie ich handle (könnte keine Prinzipien nennen, auf die ich mich dabei stütze), warum ich spreche wie ich spreche, warum ich bin wie ich bin.“ (2) Dann erneuter Anlauf und, hopp, über den Bluff, was eine Anhöhe meint, ein Übertriebenes, also Hyperbolisches, hinaus, und schon die Grenze berührt? Und schon in der Grenze verfangen? Welcher Grenze? "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos?" (3)
Erstaunt schaut sich die Clownin um. Erstaunt blickt das Publikum in die Runde der veränderten Welt.
„Die Nacht war überstanden. Raoul P., Medizinstudent in Paris im zweiten Jahr, verliess hastig, ange-spannt das Hôtel particulier Tallard, Wohnung und Zuflucht, mit schnellen Schritten.“ (4)
Im Geheimen? „Weder in der Philosophie, noch in der Kunst geht es um Beweis oder Meinung. Es geht um eine Setzung, um Behauptung. Die Behauptung unterscheidet vom Beweis und der Meinung, dass sie ohne Gewissheit auskommen muss.“ (5) Und nur sie weiss darum? „Wie viel Rot erträgt ein Mensch?“ (6) Mit dem der Nase aufgesetzten Rot ins Tanzen geraten? Die so sehr rote Nase lieber an der Hand genommen? Die Nase mich, an der Hand?, quer über die Strasse? wo hin? Kennzeichnend. Inwiefern? Weder ein Männlich noch ein Weiblich kennzeichnend? ein Feld des Nicht, dies und nicht das, eröffnend? Steinweg schreibt „Philosophie ist eine Lebensform, die die Grenze der Erkenntnis-möglichkeiten ohne Sicherung in einer Art höherer Erkenntnis beschreibt. Philosophie reicht ins Jen-seits des Erkennbaren und ist deshalb mehr als bloße Feststellung von Erkenntnisfähigkeit.“
Oder von NasfĂĽhren sprechen. Die rote Nase ein kennzeichnendes Ding im Offenen des Schauplatzes. Ich eine GenasfĂĽhrte. Dies mir ins Gesicht sagen, ruft nun die Clownin im Chor, den sie mit sich und der roten Nase bildet, und greift nach dem Taschentuch, mit welchem sie sich nachzuwinken pflegt. Schon winkt sie aus der Helle der Scheinwerfer ins wilde Dunkel des lieben Publikums.


1 Titel einer Arbeit von Alexander Kluge
2 Urs Graf, unveröff. Text
3 Alexander Kluge
4 Inka Freye, unveröff. Text
5 Marcus Steinweg, Philosophie als Wahrheitsbehauptung, 33 Thesen
6 Isabelle Fassbind, unveröff Text